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Warum Empathie hilft, anderen zu helfen

Kaum ein Stellenangebot kommt heute ohne „Empathie“ als gewünschte Bewerbungsvoraussetzung aus. Im medizinischen und sozialen Bereich ist Einfühlungsvermögen besonders wichtig. Es lässt sich fördern oder trainieren. Aber auch minimieren, wenn zu viel Mitgefühl vorhanden ist.

„Ich bin keine Hellseherin“, mault die Kollegin Emmy, als sie von der Praxismanagerin gebeten wird, der 86-jährigen Therese Müller einen Sitzplatz anzubieten und ihr den Mantel abzunehmen, obwohl die in der Montagfrühwarteschlange der Praxis noch nicht an der Reihe wäre. Warum kommt sie auch am Montagvormittag zur Rushhour in die Praxis und warum zieht sie im Hochsommer einen Mantel an? Zeigt Emmy wenig Empathie, wenn sie so denkt? Das lässt sich so einfach nicht sagen. In unserem Beispiel hat sie die hochbetagte Patientin vielleicht nicht gesehen oder war zu beschäftigt.

 

Was ist Empathie?

Dafür gibt es zahlreiche Definitionen. Eine gut verständliche stammt von Carlo Düllings, Empathie-Trainer und Gründer der Empathie Akademie: „Empathie ist die Fähigkeit, wahrzunehmen, was in einem anderen vorgeht.“

So gesehen hätte Emmy merken können, dass die alte Frau nicht lange in einer Menschenansammlung stehen kann. Sie neigt nicht nur zu hypertonen Krisen, wenn sie aufgeregt ist, sie hat nach einem Schlaganfall auch einen unsicheren Stand. „Der Doktor hat ihr schon x-mal gesagt, dass sie bei der Hitze nicht in die Praxis kommen soll, aber sie macht es trotzdem“, schmollt Emmy vor sich hin. Mit Empathie würde sie annehmen, dass die geistig fitte 86-Jährige ein dringendes gesundheitliches Anliegen haben muss, wenn sie sich auf den Weg gemacht hat. Vielleicht ist ihr ein wichtiges Medikament ausgegangen und sie wollte sofort ein neues Rezept holen.

 

Soziale Kompetenz ist gesellschaftsrelevant

Die auch als Einfühlungsvermögen bezeichnete soziale Kompetenz ist in unserer Gesellschaft überwiegend erwünscht. Menschen mit Persönlichkeitsstörungen wie Narzissmus oder Neigung zu asozialem Verhalten, aber auch von Autismus betroffene Personen verfügen nicht oder über wenig empathische Fähigkeiten.

Patientinnen und Patienten, die sich in einer Praxis nicht gut aufgehoben fühlen, kommen nicht wieder und suchen sich – wenn es genügend Wahlmöglichkeiten gibt – andere Ansprechpartner. Die Mund-zu-Mund-Propaganda ist nicht zu unterschätzen, insbesondere im ländlichen Raum. Fehlende Empathiefähigkeit bei Personal ist also ein unternehmerisches Risiko.

 

Mit Patientenaugen sehen

Situationen aus Patientensicht zu sehen hilft zu beurteilen, ob Verhalten angemessen und hilfreich ist. Stellen auch Sie sich die Frage: „Möchtest du dein eigener Patient sein?“ Mit diesen Worten war schon vor einigen Jahrzehnten eine Kampagne in Ostdeutschland überschrieben.

Für ambulante Einrichtungen heißt das vor allem, den Patienten nützliche und verständliche Informationen bereitzustellen. Mit einem lieblos in die Hand gedrückten Überweisungsschein und der Aussage „Damit gehen Sie zum MRT“ kann die 86-jährige Therese Müller nichts anfangen. Sie hat ein Recht zu erfahren, warum das notwendig ist, ob die Untersuchung schmerzhaft ist, wo sie sich anmelden kann, was sie vorher beachten muss und ob sie eigenständig hin- und wieder zurückkommt. Sieht Frau Müller schlecht, kann es sinnvoll sein, nach Angehörigen zu fragen und entsprechende vorbereitete und vorrätige Standard-Merkblätter und Informationen für Rückfragen mitzugeben.

 

Empathietraining zielt auf bessere Interaktionen

In der Empathieforschung wurden zahlreiche Trainings für diverse Zielgruppen entwickelt und erprobt. Es existieren Programme für Kinder verschiedener Alters- und Bildungsstufen, für Erwachsene, für Paare und auch für bestimmte Berufsgruppen.

Ein Team der Universität Witten/Herdecke entwickelte und erprobte beispielsweise ein erlebnisorientiertes Training für Gesundheitsberufe. „Empathie hat jeder!“ kann während der Ausbildung sowie im Rahmen von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen eingesetzt werden und eignet sich besonders für den Einsatz in interprofessionellen Gruppen, wie sie beispielsweise in MVZ miteinander arbeiten.

 

Empathie testen und Selbsterkenntnis üben

Einfühlungsvermögen ist eine Stärke der meisten Praxismanagerinnen und Medizinischen Fachangestellten. Sie wollen das prüfen? Im Internet können Sie einen kostenlosen Empathie-Kurztest durchführen.

Übrigens: Wer zu viel Empathie zeigt, ist emotional verwundbarer als andere. Weiteres Merkmal: Eigene Wünsche und Bedürfnisse werden permanent zurückgestellt. Stichwort „Helfersyndrom“. Trifft das bei Ihnen zu, ist Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung. Achten Sie zukünftig darauf, ob Sie gerade Ihre eigenen Gefühle wahrnehmen oder fremde.

Die eigene emotionale Intelligenz zu schulen bereichert Ihre zwischenmenschlichen Fähigkeiten. Und davon profitieren Sie nicht nur beruflich, sondern auch privat.

 

Wussten Sie schon, …

… dass sich Jungen eher vom Stress ihrer Mutter anstecken lassen als Mädchen? Das fand ein Forscherteam des Uniklinikums Jena und des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzigheraus. Die Kinder zwischen 8 und 12 Jahren fühlten den akuten Stress ihrer Mütter sowohl emotional als auch physiologisch mit, sagte der Studienleiter.

Kinder gestresster Mütter fühlten sich belasteter und Jungen setzten eine höhere Menge des Stresshormons Kortisol frei. Warum die Jungen stärker auf den Stress ihrer Mütter reagierten als die gleichaltrigen Mädchen, haben die Wissenschaftler noch nicht herausgefunden. Aber es zeigte sich: „…dass sich die Kinder in ihre Mütter hineinversetzen und ihren Stress nachempfinden können. Das ist gut, denn wer Stress nachempfinden kann, ist eher gewillt, anderen zu helfen.“

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