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Warum nehmen Schwangerschaftsabbrüche zu?

Seit Monaten fällt auf: Immer mehr Frauen brechen eine Schwangerschaft ab. Frauenärzte sehen darin ein Warnsignal und führen es auf ein seit Jahren zu beobachtendes Phänomen zurück: Die Skepsis gegenüber hormonellen Vergütungsmethoden nimmt stetig zu. Vor allem bei jungen Frauen.

Mehr Schwangerschaftsabbrüche

Im ersten Quartal 2023 brachen 27.600 Frauen eine Schwangerschaft ab. Das sind 6,8 % mehr Abbrüche als im Vergleichsquartal des Vorjahres. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts stiegen seit dem ersten Quartal 2022 die Abbrüche kontinuierlich an. Warum das so ist, lässt sich aus den Zahlen nicht ablesen. Die Beweggründe für den Abbruch werden statistisch nicht erhoben.

Die Zahl über Schwangerschaftsabbrüche steht nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit der Zahl der Geburten in Beziehung. Doch die Geburten nehmen seit Jahren fast durchgehend ab, während die Abbrüche weiter steigen. Bei der Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch können viele Faktoren eine Rolle spielen, z. B. die wirtschaftliche Lage oder ein Krisengeschehen wie der Krieg in der Ukraine.

Der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) macht sich Sorgen über diese Entwicklung und erklärt sich den Anstieg in erster Linie mit einem veränderten Verhütungsverhalten. Der Verband schreibt in einer Presseerklärung: „Wir nehmen in den letzten Jahren einen Wandel im Bewusstsein bei der Verhütung wahr – gerade bei jungen Patientinnen. Wir beobachten einen Trend zur Verhütung ohne Hormone. Frauen und ihre Partner verlassen sich zunehmend auch auf das Messen der Temperatur oder auf Zyklusapps, teilweise ohne eine vorherige gynäkologische Fachberatung.
 

Die Pille ist out

Die Analyse des BVF stützt sich auch auf eine Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die zwischen 2014 und 2019 Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren befragte. Ein Drittel der befragten Mädchen gab an, Sorge vor körperlichen und seelischen Schäden durch hormonelle Verhütungsmethoden zu haben.

Auch Erwachsene sind skeptischer geworden. Bei 18- bis 29-Jährigen sanken die Nutzungszahlen der Pille im gleichen Zeitraum von 72 % auf 56 %. Und Frauen in ihren Dreißigern verhüten im Gegensatz zu 2011 nicht mehr überwiegend mit der Pille. Nach ihren Gründen gefragt, gab rund die Hälfte an, dass die Pille negative Auswirkungen auf Körper und Seele habe.

Cornelia Hösemann, Vorstandsmitglied im BVF, sagt: „Wir machen in unseren Sprechstunden immer häufiger die Beobachtung, dass vor allem junge Frauen über das Internet mit vielfältigen Informationen konfrontiert werden und oft äußerst voreingenommen sind, wenn sie nach zuverlässigen Methoden der Empfängnisverhütung fragen.“

Bei dieser Entwicklung scheinen auch die sozialen Medien eine Rolle zu spielen. Dort berichten Frauen zunehmend über ihre negativen Erfahrungen mit hormonellen Verhütungsmitteln. Der BVF weist darauf hin, dass dadurch ein verzerrtes Bild über Nutzen und Schaden von Pille und Co. entstehen können. Die Verhütungsentscheidung sei immer individuell zu treffen.
 

Gute Informationsangebote werden wichtiger

Tatsache ist aber auch: Viele Frauen fühlen sich oft nicht umfassend über Verhütungsmethoden beraten. Das zeigt auch ein neuer Bericht, den das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vor Kurzem veröffentlichte. Darin wurde untersucht, inwiefern sich Kupfer- und Hormonspiralen hinsichtlich Sicherheit, Wirkung und Nebenwirkung unterscheiden. Neben Studien beurteilte der Bericht auch, wie schwer oder leicht den Frauen die eigene Verhütungsentscheidung fiel.

Dabei kam heraus: eher schwer. Ein Grund dafür war, dass Ärztinnen und Ärzte oft nur über eine der beiden Methoden beraten wollten, in der Regel die Hormonspirale. Es gibt zwar auch unabhängige Beratungsstellen, die sich in der Regel mehr Zeit für die Beratung nehmen können, aber junge Frauen scheuen sich oft, dieses Angebot wahrzunehmen und nutzen eher das Internet, um sich zu informieren. Gute Online-Angebote, wie die der BZgA oder von profamilia, sind aber offenbar zu wenig bekannt. Doch selbst wenn sie genutzt werden, gibt es einen Haken: Sie sind nicht durchgängig evidenzbasiert, d. h., es fehlen zum Teil Angaben über Quellen, sie weisen Wisssenslücken auf und es fehlt oft die Darstellung von Nutzen und Risiken in aussagekräftigen Zahlen.

Viele Frauenärzte bieten bereits spezielle Sprechstunden für junge Frauen mit Verhütungswunsch an. Aber die Frage ist, ob das ärztliche Angebot ausreicht, um den irreführenden Informationen im Internet genug entgegenzusetzen. Möglicherweise unterschätzen Frauen das Risiko von ungewollten Schwangerschaften, das bei nicht-hormonellen Verhütungsmethoden höher ist. Außerdem spielt der Kontext der Sexualkontakte eine wichtige Rolle bei der Wahl der Methode.

So sehen sich Frauen, die in einer unsicheren oder sogar bedrohlichen Beziehung zu ihrem Partner oder ihren Partnern stehen, einem Dilemma ausgesetzt: Sie fühlen sich möglicherweise durch die PIllenskepsis unter Druck gesetzt, sich für eine nicht-hormonelle Verhütungsmethode zu entscheiden, können aber eine korrekte Anwendung der Methode in der Praxis nicht sicherstellen. Das zeigt: Neben Aufklärung zu Wirkung und Nebenwirkung spielen auch soziale Aspekte bei der Verhütungsberatung eine Rolle.

Welche Fragen bei einer Verhütungsentscheidung wichtig sind, fasst die BZgA auf dieser Website zusammen.

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