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Hand und Fuß genügen selten: Wie Sie Sprachbarrieren überwinden

„Eshaka detu arwat.“ „Regl dönemlerim arasında kanamam oluyor.“ „Singi min esh akat.“ Sie verstehen nicht? Mitarbeiter im Gesundheitswesen waren schon vor der Flüchtlingswelle 2015 mit Sprachbarrieren konfrontiert. Weil die Kosten für zertifizierte Dolmetscher nur auf Antrag und in begründeten Fällen von Sozialbehörden übernommen werden können, ist in der Praxis mehr als Improvisation gefragt.

Was die oben aufgeführten Beispiele bedeuten:

Eshaka detu arwat.Der Schmerz kommt und geht (Farsi).

Regl dönemlerim arasında kanamam oluyor. Ich habe Zwischenblutungen (Türkisch).

Singi min esh akat.Ich habe Brustschmerzen (Kurdisch).
 

Sprachbarrieren im Praxisalltag

Fast alle MFAs können Erlebnisse berichten, bei denen sie in der Kommunikation mit nicht deutschsprachigen Patienten an ihre Grenzen gekommen sind. Wie soll man Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden gut helfen können, wenn sie der deutschen Sprache nicht mächtig sind? Die Verständigung mit Hand und Fuß genügt den Anforderungen an eine qualitative und sichere Behandlung nicht. Für Geflüchtete gelten besondere Regelungen innerhalb der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung. Welche das für die medizinische Versorgung sind, hat z. B. die Verbraucherzentrale zusammengestellt.

Das Asylgesetz regelt in §17, wer Anspruch auf einen Sprachmittler hat:

(1) Ist der Ausländer der deutschen Sprache nicht hinreichend kundig, so ist von Amts wegen bei der Anhörung ein Dolmetscher, Übersetzer oder sonstiger Sprachmittler hinzuzuziehen, der in die Muttersprache des Ausländers oder in eine andere Sprache zu übersetzen hat, deren Kenntnis vernünftigerweise vorausgesetzt werden kann und in der er sich verständigen kann.

(2) Der Ausländer ist berechtigt, auf seine Kosten auch einen geeigneten Sprachmittler seiner Wahl hinzuzuziehen.
 

Wer darf dolmetschen und wer kommt für die Kosten auf?

Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugelassene Sprachmittler müssen ein C1-Sprachzertifikat für die deutsche Sprache nachweisen. Dieses setzt ausgeprägte, tiefgehende Deutsch-Kenntnisse voraus. Freie Dolmetscher müssen seit 1988 ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und einer Zuverlässigkeitsüberprüfung durch die Sicherheitsbehörden zustimmen. Zudem haben sie sich einem Verhaltenskodex zu verpflichten.

Die GKV übernimmt die Kosten für Sprachmittler nicht. Zwar gab und gibt es bundesweit einige (meist gemeinnützige) Modellprojekte, die sich für einen unkomplizierten und schnellen Zugang zu Übersetzern engagieren, eine einheitliche Regelung existiert jedoch nicht.
 

Familienangehörige und Kinder sind keine unabhängigen Sprachmittler

Auch wenn es meist als unkomplizierteste Lösung erscheint: Wissenschaftlerinnen warnen davor, für das Dolmetschen medizinischer Inhalte Familienangehörige oder gar Kinder hinzuziehen. Zum einen ist damit nicht sichergestellt, dass wirklich alle Inhalte vollständig und im Sinn der Betroffenen übersetzt werden, zum anderen bedeutet das Beherrschen der deutschen Sprache nicht, dass auch medizinische Fachtermine und wichtige gesetzliche Regelungen gekannt werden. Kinder und Jugendliche sollen nicht in für sie belastende Situationen gezogen werden.
 

Welche Alternativen es gibt

Doch was tun, wenn Eile geboten ist und nicht erst auf eine Kostenübernahme durch die Sozialbehörde oder Kommune gewartet werden kann? Einige Gesundheitsanbieter haben individuell (Bild-) Wörterbücher entworfen, es gibt Sprach-Apps und Lehrmaterial. Hier sollen einige nützliche Beispiele empfohlen werden.

  • Refugeephrasebook.de ist ein von einem Freiwilligen-Netzwerk initiiertes, open-source-Projekt mit einer Sammlung von hilfreichen Phrasen, Vokabeln und Links für Geflüchtete und Helfer. Es übersetzt einen Grundwortschatz sowie medizinische und juristische Themen in 44 Sprachen. Die oben zitierten Beispiele entstammen der Unterkategorie medical-phrases des Portals, das 150 häufige Probleme und Symptome aufführt. Die Initiatoren schreiben: „Flüchtlingsinitiativen, Designer und Helfer können die Daten kostenfrei nutzen und anpassen, um eigene Versionen zu erstellen und diese für Hilfsprojekte verwenden.“
  • Handbookgermany.de ist ein mehrsprachiges Informationsportal des Vereins Neue deutsche Medienmacher*innen für Menschen, die neu in Deutschland sind. In 8 Sprachen werden Tipps, teilweise mit Erklärvideos zu nahezu allen Lebensbereichen einschließlich Gesundheit gegeben.
  • Was für Geflüchtete aus der Ukraine bei der Gesundheitsversorgung gilt, ist auf einer Überblicksseite der Verbraucherzentrale zusammengefasst. Das BAMF informiert auch in der Landessprache.
  • Bereits seit 2016 ist die Webseite Zanzu – Mein Körper in Wort und Bild der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung online. Sie stellt in 13 Sprachen Informationen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit für Migranten zur Verfügung. Material kann problemlos ausgedruckt und den Patientinnen mitgegeben werden. Werbematerial für die Arztpraxis kann direkt bestellt werden.
  • Im Archiv des nicht mehr aktiven privaten Blog DaF für Flüchtlinge – Sprache ist Integration sind weitere Wörterbücher und Übersetzungshilfen abrufbar.

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