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Mehr Team, bessere Versorgung: HÄPPI in der Praxis

Erfahrungsbericht aus einer Pilotpraxis im bayerischen Kranzberg

Verbesserung der Gesundheitsversorgung und Entlastung für hausärztliche Praxen mit neuen Teamstrukturen und digitalen Instrumenten – das ist die Kernidee des Versorgungskonzepts „Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“, kurz HÄPPI. Entwickelt wurde es vom Hausärztinnen- und Hausärzteverband in Kooperation mit der Universität Heidelberg. Von Juli bis Dezember 2025 haben 9 Pilotpraxen in Bayern das Konzept getestet, wissenschaftlich begleitet und betreut von der Universität Augsburg. Wir haben mit Hedwig Seiler, MFA und Primary Care Managerin in einer der Pilotpraxen gesprochen. 

 

Frau Seiler, warum nimmt Ihre Praxis am HÄPPI-Konzept teil? 

Die Patientinnen und Patienten, die wir versorgen, werden immer mehr und immer älter. Hausarztpraxen müssen sich neu aufstellen, um das auch in Zukunft stemmen zu können. Wir werden vom Praxisteam zur Teampraxis, Funktionen und Kompetenzen innerhalb des Teams verändern sich und es entstehen neue Rollen. Die Chance, HÄPPI mit wissenschaftlicher Begleitung in der Praxis umzusetzen, wollten wir deshalb direkt nutzen. 

 

Sie selbst sind ausgebildete MFA und haben vor etwa einem Jahr den Bachelorstudiengang Primary Care Management abgeschlossen. Wie kam es dazu? 

Ich habe mich auch nach der Ausbildung weiterentwickelt, soweit Berufs- und Familienleben es erlaubten. Seit 2005 bin ich Fachwirtin im Gesundheitswesen. Das PCM-Studium haben mir unsere Chefs vorgeschlagen – und ich habe mir erstmal ein paar Tage Bedenkzeit nehmen müssen. 3-mal pro Woche zur Vorlesung, wissenschaftliche Arbeiten schreiben, eine Woche Blockseminar in München pro Semester – das geht nicht nebenbei. Seit etwa einem Jahr bin ich jetzt Primary Care Managerin und würde alles nochmal genau so machen.

 

Wie hat sich Ihre Rolle im Team verändert? 

Als Primary Care Managerin (PCM) kann ich Untersuchungen vornehmen, Unterlagen prüf- und unterschriftsreif vorbereiten, Anfragen ans Versorgungsamt vorbereiten und vieles mehr. Ich unterstütze bei der Behandlung von Diabetikern, Hypertonikern und Asthmapatienten, die teilweise 4-mal im Jahr in die Praxis kommen. Wir haben zudem eine teamgestützte Infekt-Sprechstunde eingeführt und dafür sogar einen zusätzlichen Raum angemietet. Ich mache Voruntersuchungen, dokumentiere und mache Behandlungsvorschläge, die der Arzt oder die Ärztin prüfen und dann auch darüber entscheiden. Diese Rückversicherung ist mir sehr wichtig. Das Ziel ist nicht, Ärztin oder Arzt zu ersetzen, sondern sie so zu entlasten, dass sie mehr Zeit für Patientinnen und Patienten mit intensiveren Krankheitsbildern haben und die Gesundheitsversorgung insgesamt effizienter und besser wird. 

 

Was hat sich für das Team verändert? 

Wir haben 7 ausgebildete MFAs in Teilzeit, eine Auszubildende und mich als Primary Care Managerin im Team. Wir profitieren von unseren verschiedenen Kompetenzen und kommunizieren auf Augenhöhe. Durch HÄPPI werden die Strukturen agiler und die Hierarchien flacher, als das in Arztpraxen früher der Fall war. Dieser Prozess ist nicht einfach und wir sind froh über die wissenschaftliche Begleitung im Rahmen des Projekts. Dank unserer aufgeschlossenen Praxisleitung war „Teampraxis“ bei uns schon längst ein Begriff. Durch HÄPPI ist diese Idee nochmal stärker gewachsen und prägt unser Miteinander jetzt noch mehr als bisher. 

 

Was sagen die Patientinnen und Patienten dazu, wenn sie von Ihnen untersucht werden? 

Wir sind eine Familienpraxis in zweiter Generation. Manche haben mich schon als Auszubildende gekannt und gratulieren mir zu meiner beruflichen Weiterentwicklung. Die Reaktionen sind durchweg positiv, und Patientinnen und Patienten erzählen mir oft mehr als den Ärzten. Oft kommen Dinge, die für Diagnose und Behandlung unverhofft relevant sind, eher im entspannten Gespräch mit MFA oder PCM auf. 

 

Digitalisierung spielt bei HÄPPI eine wichtige Rolle. Welche Maßnahmen haben Sie in der Praxis umgesetzt? 

Wir haben unseren Online-Termin-Kalender optimiert, ein neues PVS-System sowie die Videosprechstunde eingeführt und prüfen derzeit die Einführung eines Check-in-Terminals. Wir nutzen eine Diktiersoftware mit KI-gestützter Spracherkennung und sind komplett papierlos geworden. Die Patientinnen und Patienten müssen nicht lange im Wartezimmer sitzen: Sie bekommen, wenn sie das möchten oder wenn es zum Schutz vor Infektionen angebracht ist, einen Pager und können sich ins Auto oder auf Sitzbänke vor der Tür setzen und auch an der frischen Luft spazieren. Mit unserem neuen PVS-System haben wir zugleich ein virtuell geführtes Wartezimmer eingeführt und dokumentieren in Echtzeit und fürs ganze Team zugänglich, welche Patientinnen und Patienten gerade in welchem Raum sind. Bei der Digitalisierung ist es unserer Erfahrung nach wichtig, alle im Team mitzunehmen, und digitale Helfer passgenau zu den eigenen Prozessen und Bedürfnissen einzusetzen. Manches haben wir getestet und verworfen, etwa den KI-gestützten Telefonassistenten, und bieten stattdessen einen Chat auf unserer Website an, um das Praxistelefon zu entlasten. 

  

Denken, Sie, dass das Modell HÄPPI zukunftsfähig ist? 

Das Interesse benachbarter und befreundeter Praxen ist jedenfalls sehr groß. Ich kann mir gut vorstellen, dass absehbar in vielen Praxen Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit Primary Care Manager/-innen, MFAs, VERAHs und anderen Praxismitarbeitenden zur Gesundheitsversorgung beitragen werden. Ich bin sicher: Die Teampraxis prägt die Patientenversorgung der Zukunft. 

SZ

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