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„Was in den letzten Wochen passiert ist, lässt sich kaum in Worte fassen“

Die Pandemie hat MFAs alles abverlangt. Nach 17 Monaten Krisenbewältigung ist bei vielen die Luft raus. Iris Schluckebier bekommt die Probleme hautnah mit, denn sie ist selbst MFA sowie Teilnehmerbetreuerin beim PKV Institut und Expertin für Praxismanagement und QM. Im Interview erklärt sie, was die aktuelle Lage so schwierig macht und was MFAs jetzt und künftig hilft.

PKV Institut: Seit Monaten treibt die Pandemie und ihre Folgen MFAs um. Wie ist die Lage im Moment?

Iris Schluckebier: Tatsächlich mussten sich MFAs zu Beginn der Pandemie zunächst um die akut Erkrankten kümmern. Dann holten sich viele Patienten bei ihrem Hausarzt eine Bescheinigung, um von der Maskenpflicht entbunden zu werden. Danach ging es mit dem Impfen los. Und obendrauf kam noch der Impfausweis, weil ihn viele Patienten für ihren Urlaub brauchten und immer noch brauchen. Nebenbei liefen neue Digitalisierungsprozesse. Nicht zu vergessen die wirklich Kranken, die chronisch Kranken und die Grundversorgung, die zeitweise auf der Strecke blieb.

PKV Institut: Also eine sehr angespannte Situation seit vielen Monaten. Was macht das mit den MFAs?

Iris Schluckebier: Es ist die lange Zeit der Anspannung und dass wirklich die Zeit zum Luftholen fehlt, was den MFAs so zu schaffen macht. Natürlich gab es schon immer Hochzeiten wie die Grippesaison. Aber was in den letzten Wochen passiert ist, lässt sich kaum in Worte fassen.

PKV Institut: Was genau ist passiert?

Iris Schluckebier: Patienten treten beispielsweise fordernder und auch aggressiver auf. Das bekommen in erster Linie die MFAs ab.

PKV Institut: Wie können sich MFAs davor schützen?

Iris Schluckebier: Sie können auch mal beherzt Nein sagen. Und die Praxisinhaber mit ins Boot holen, die entscheiden müssen, was geht und was nicht geht. Die Praxisleitung muss abwägen, wann eine Grenze erreicht ist. Das wird von Praxis zu Praxis und je nach Philosophie sehr unterschiedlich sein. Manche Ärzte wollen zu 99 % alle Wünsche ihrer Patienten erfüllen, andere sagen, es muss nicht immer alles sofort möglich sein. Ein Nein kann man immer freundlich, aber bestimmt formulieren. Man ist nicht automatisch unfreundlich, wenn man einen Wunsch nicht sofort erfüllt.

PKV Institut: Was hat MFAs noch zu schaffen gemacht?

Iris Schluckebier: Seit Beginn der Pandemie fehlten die Wertschätzung und der Dank. In vielen Gesprächen habe ich gehört: Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war, wir alle im Team haben uns verändert. Bei diesen Worten habe ich eine Gänsehaut bekommen.

PKV Institut: Um den Blick nach vorne zu richten und aus den Erfahrungen zu lernen: Was kann jede einzelne Teamkollegin tun, um sich und die anderen vor dem viel gefürchteten Burn-out zu schützen?

Iris Schluckebier: Achtsamkeit kann helfen. Man kann sich z. B. jeden Tag ein paar Minuten Zeit nehmen, um einmal Luft zu holen, in Ruhe eine Tasse Kaffee zu trinken oder eine kleine Entspannungsübung zu machen. Viele Kolleginnen werden einwenden, dass das aus Zeitgründen nicht geht. Aber es ist besser, sich diese kurzen Auszeiten zu nehmen, als eines Tages zusammenzubrechen. Achtsamkeit funktioniert übrigens auch gut zu Hause: Man kann einfach mal fünfe gerade sein lassen und mit der Familie darüber sprechen, was gerade los ist. Wir müssen nicht immer zu 100 % funktionieren, weil uns ‚MFA‘ auf die Stirn geschrieben steht.

PKV Institut: Was kann das Team tun, um den Zusammenhalt in Krisenzeiten zu stärken, damit Kolleginnen nicht abwandern oder neue Kolleginnen gut integriert werden?

Iris Schluckebier: Wir sollten aufeinander aufpassen und uns umeinander kümmern. Reden hilft, gerade jetzt. Man darf auch einmal sagen, dass man einen schlechten Tag hat. Dafür haben wir schließlich auch viele gute Tage. Jede Kollegin muss wissen, dass sie Schwäche zeigen darf. Und das Team muss jedem Einzelnen eine Pause gewähren, wenn er oder sie es braucht.

PKV Institut: Was kann die Praxisleitung tun, um den MFAs den Rücken zu stärken?

Iris Schluckebier: Ärzte und Ärztinnen können sich in den entsprechenden Gremien, in denen sie engagiert sind, für ihre Teams stark machen. Schließlich nehmen ihnen die MFAs sehr viel ab. Jeder Praxisleitung sei empfohlen, in die Gesichter ihrer Mitarbeiter zu schauen und sie auch von sich aus anzusprechen, wenn auffällt, dass es einer Kollegin oder einem Kollegen nicht gut geht. Und ein offenes Ohr für die Bedürfnisse jedes Einzelnen haben. Auch eine MFA, die bislang immer als starke Mitarbeiterin galt, kann an ihr Limit geraten und eine Pause brauchen, um nicht in einen Burn-out zu kommen.

PKV Institut: Was wünschen sich MFAs?

Iris Schluckebier: Wir bekommen Wertschätzung über das Gehalt, wir bekommen Wertschätzung von unseren Patienten. Wir wünschen uns auch Wertschätzung von unserer Praxisleitung, also dem Chef oder der Chefin.

PKV Institut: Was können MFAs auch praxisübergreifend tun?

Iris Schluckebier: Sich zu vernetzen und auszutauschen ist das A und O. Dadurch erfährt man, wie andere ihre Probleme lösen, und kann von ihnen lernen. Vernetzung schafft Synergien. Bestenfalls stärkt der Austausch untereinander den Zusammenhalt eines Teams. Wir haben beim PKV Institut gute Erfahrungen mit unserem Live-Coaching für Praxismanagerinnen gemacht, das zweimal im Jahr stattfindet. Unsere Teilnehmerinnen sind nach diesem 90-minütigen Online-Seminar immer sehr erleichtert und begeistert. Deshalb rufe ich dazu auf, ein solches Coaching im kleineren Kreis in der eigenen Region selbst zu organisieren. Dieser Austausch ist von unschätzbarem Wert.

PKV Institut: Kommen wir zur letzten Frage mit Ausblick in die Zukunft. Wie können sich MFAs für die Zukunft stärken? Eine Zukunft, die noch mehr Digitalisierung mit sich bringt und die vielleicht auch neue Krisen birgt?

Iris Schluckebier: Alle genannten Tipps von der kleinen Pause zwischendurch bis hin zum Eingeständnis der eigenen Schwäche und der Achtsamkeit seien hier noch einmal genannt. On top möchte ich Fort- und Weiterbildungen empfehlen. Um es positiv zu formulieren: Der MFA-Beruf wird nie langweilig, es kommen immer wieder Neuerungen hinzu. Das ist auch das Schöne daran und macht den Beruf interessant. In den letzten Monaten waren es vielleicht zu viele Neuerungen in zu kurzen Abständen. Wenn wir aber rechtzeitig über Änderungen informiert werden und uns auch rechtzeitig neues Wissen durch Weiterbildung aneignen, wird uns der Beruf wieder Spaß machen. Es wird auch wieder andere Zeiten geben, aber natürlich auch immer wieder kleine Krisen. Und um darauf gut vorbereitet zu sein, helfen Fort- und Weiterbildungen.

 

© Vorschaubild: Adobe Stock/Pixel-Shot

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