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Wie der Kinder- und Jugendmedizin geholfen werden soll

Kinderkliniken sollen in den folgenden 2 Jahren insgesamt 600 Millionen Euro zusätzlich bekommen. Diese Maßnahme ist Teil eines Gesetzespaketes, das der Bundestag am 2. Dezember beschlossen hat. Es enthält weitere Maßnahmen, die die Versorgung von Kindern und Jugendlichen sicherstellen sollen. Doch an den Plänen wird auch viel kritisiert: Das sei zu wenig und komme zu spät.

Akute Infektionslage trifft auf chronische Unterversorgung

Wegen einer Welle an Atemwegserkrankungen sind viele Kinderkliniken und Kinderarztpraxen überfüllt und in akuten Nöten. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) veröffentlichte vor einigen Tagen die Ergebnisse einer Umfrage bei über 100 Kliniken mit Kinderintensivstationen. Demnach waren 40 % der Betten gesperrt, weil Pflegefachpersonal fehlt. Zum Zeitpunkt der Befragung standen nur 83 freie Behandlungsplätze in ganz Deutschland für Kinder zur Verfügung. Jede zweite Klinik hatte in den vergangenen 24 Stunden die Behandlung für mindestens ein Kind ablehnen müssen.

Die derzeit hohe Infektionswelle trifft auf ein chronisch überlastetes System. Die anhaltende Unterfinanzierung der Kindermedizin und der Fachkräftemangel sind seit Jahren bekannt und verschärfen sich stetig weiter. Das Personal arbeitet schon länger am Limit. Die aktuelle Überforderung der Kliniken ist keine Überraschung. In der Folge müssen mehr schwer kranke Kinder und Jugendliche von den ambulanten Kinderarztpraxen versorgt werden, dabei ist die Versorgung auch dort längst nicht mehr gesichert.

Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Thomas Fischbach, spricht von einer katastrophalen Lage und macht der Politik schwere Vorwürfe: „Die derzeitige Situation war zu erwarten. Und die Politik nimmt sie nicht nur billigend in Kauf, sie hat sie vielmehr mitverursacht, indem sie die Pädiatrie seit Jahren aushungert. 80 % der Kliniken mussten in den letzten Jahren die Zahl ihrer Betten reduzieren, sogar im Intensivbereich.“

Der Deutsche Kinderschutzbund zeigte sich entsetzt, dass man es so weit hat kommen lassen. Auch er sieht die aktuelle Krise als Ergebnis einer jahrzehntelangen Vernachlässigung an. Er fordert ein rasches finanzielles Notprogramm mit besseren Abrechnungsbedingungen. Auch die Kinderkliniken fordern seit Jahren eine Umstrukturierung der Finanzierung und eine Stärkung der pädiatrischen Versorgung.
 

Lauterbachs Vorschläge ernten Kritik

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) rief Anfang Dezember die Krankenhäuser dazu auf, Personal aus anderen Erwachsenenabteilungen auf Kinderstationen einzusetzen. Die Kassen sollten zudem die Überprüfung der Pflegepersonaluntergrenzen auf Kinderstationen aussetzen. Den Kinderarztpraxen schlug er vor, Vorsorgeuntersuchungen zu verschieben, um die Sprechstunden zu entlasten. Der Bundestag beschloss zudem letzte Woche ein Gesetzespaket für Krankenhäuser, das mehr Geld für Kinderkliniken (jeweils 300 Millionen Euro in den Jahren 2023 und 2024) und Entlastungen für Pflegepersonal vorsieht. 

Der Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, kritisiert die Vorschläge. Die Krankenhäuser hätten bereits alle Möglichkeiten genutzt, um fehlendes Personal auszugleichen. Nun müssten nicht nur auf Kinderstationen, sondern auch in anderen Abteilungen die Pflegepersonaluntergrenzen ausgesetzt werden, um genügend Handelsspielraum zu haben. Vertreter der Pflege betonen jedoch, dass dann die Qualität der Versorgung weiter sinke.

BVKJ-Präsident Thomas Fischbach kritisiert, dass es dem Bundesgesundheitsminister an praktikablen Konzepten mangele: „Wenn der Minister jetzt rät, Vorsorgen zu verschieben, bleiben psychische Auffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen unbehandelt und können chronisch werden. Ebenso absurd und gefährlich ist auch die Idee, Pflegende ohne Erfahrung auf Kinderstationen abzukommandieren und gleichzeitig die Personaluntergrenzen aufzuheben.“
 

Ethikrat fordert mehr psychosoziale Hilfen für Kinder und Jugendliche

Die internationale Studienlage zeigt, dass psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in der Pandemie deutlich zugenommen haben. Als Ursache dafür gelten nicht nur die Corona-Schutzmaßnahmen, wie Schulschließungen und Kontakteinschränkungen, sondern auch die Pandemie selbst. Die Solidarität, die man in der Pandemie von der jungen Generation eingefordert habe, bleibe man ihnen zu einem großen Teil nun schuldig, wenn die psychosozialen und psychotherapeutischen Angebote nicht deutlich ausgebaut würden, meint die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats Alena Buyx.

Familien geht es schlechter als vor 4 Jahren. Das zeigt auch die AOK-Familienstudie, in der 8.500 Mütter und Väter befragt wurden. Die Belastungsfaktoren haben zugenommen, vor allem die finanziellen und psychischen. Deshalb schätzen weniger Eltern als vor 4 Jahren ihre eigene Gesundheit als „gut“ oder „sehr gut“ ein. Die Belastungen der Eltern wirken sich auch auf die Gesundheit der Kinder aus. Knapp ein Drittel ist in seinem seelischen Wohlbefinden beeinträchtigt. Besonders schwer haben es Kinder aus Ein-Eltern-Familien und in strukturschwachen Regionen.

Der Deutsche Ethikrat schlägt vor, zu überprüfen, ob der Zugang zu Therapieangeboten verbessert werden kann. Auch mehr niedrigschwellige und flächendeckende Angebote, wie schulpsychologische und psychosoziale Maßnahmen, werden gebraucht. Diagnostik, Beratungsangebote, Behandlungen und Hilfen zur Teilhabe für Kinder und Jugendliche sowie Eltern und Familien müssen gezielt bereitgestellt werden. Dazu sollen zeitnah konkrete Pläne vorgelegt werden. Denn es gebe akute Unterversorgung. Diese Maßnahmen sollten von Informationskampagnen zur psychischen Gesundheit und Hilfsangeboten begleitet werden. Außerdem brauche es mehr Forschung über die Folgen der Pandemie und die Unterstützungsangebote. 

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