

AU ab dem ersten Tag – Belastungsprobe für Praxen

Die Bundesregierung will mit den Plänen Fehlzeiten senken und Missbrauch verhindern. Ob das gelingen kann, ist allerdings umstritten. Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der telefonischen Krankschreibung und steigenden Fehlzeiten sehen Studien bislang nicht. Fachleute führen den Anstieg der Krankmeldungen vielmehr auf die Einführung der elektronischen AU zurück.
Große Diskussionen um die Reform
Kritiker befürchten durch die geplanten Maßnahmen eine deutliche Mehrbelastung der ambulanten Versorgung. Die Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sprechen von einer „Zumutung, die an Unverschämtheit grenzt". Es sei „Irrsinn", abertausende Menschen allein für das Ausstellen einer AU zusätzlich in die Praxen zu schicken. Wer hustet oder einen Magen-Darm-Infekt habe, gehöre ins Bett und nicht ins Wartezimmer.
Auch die Bundesvorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands zeigen sich empört: „Diese Beschlüsse sind eine absolute Katastrophe. Ohne jegliche Evidenz nimmt die Koalition die komplette Überlastung unserer Praxen billigend in Kauf. Die Bürokratiewelle, die auf die hausärztliche Versorgung zurollt, wird kaum zu bewältigen sein! Dass dadurch Krankheitstage reduziert werden, ist eine Illusion.“
Chronisch Kranke besonders betroffen
Chronische Erkrankungen verlaufen häufig schubweise. Während akuter Beschwerden sind viele Betroffene nur eingeschränkt mobil oder gar nicht in der Lage, eine Praxis aufzusuchen. Gerade in diesen Fällen ist die telefonische Krankschreibung eine sinnvolle Möglichkeit, unnötige Belastungen zu vermeiden und gleichzeitig die Versorgung sicherzustellen.
So verdeutlicht etwa Migräneexpertin Prof. Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz-und Schwindelzentrums in Essen auf ihrem Instagram-Account: „Wenn man mit einer Migräneattacke noch zum Arzt gehen könnte, bräuchte man die Krankschreibung vermutlich gar nicht.“
Prof. Dr. Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel äußert sich auf Instagram ähnlich: „Die meisten Menschen mit Migräne möchten nicht länger krankgeschrieben werden. Im Gegenteil: Viele berichten, dass sie alles daransetzen, möglichst schnell wieder arbeitsfähig zu sein.“ Sie würden die Attacke behandeln und sich ausruhen und seien oft am nächsten Tag wieder arbeitsfähig. Es sei ihnen jedoch in der Regel nicht möglich, sich mit einer schweren Migräneattacke ins Auto oder öffentliche Verkehrsmittel zu setzen und stundenlang in einer Praxis zu warten. Gesundheitspolitische Entscheidungen müssten die medizinische Realität chronischer Erkrankungen berücksichtigen.
Migräne ist dabei nur ein Beispiel, wie die Berichte von Betroffenen mit anderen chronischen Erkrankungen zeigen. So sei es während akuter Symptome von Multipler Sklerose (MS), chronisch entzündlicher Darmerkrankungen oder Rheuma kaum möglich, persönlich eine Praxis aufzusuchen. Entsprechend kritisch äußern sich inzwischen auch mehrere Patientenorganisationen. So betont die Endometriose-Vereinigung, dass die telefonische Krankschreibung für viele Betroffene keine Frage der Bequemlichkeit sei, sondern eine notwendige Entlastung. Die B.A.G. Selbsthilfe verweist darauf, dass die Telefon-AU unnötige Wege vermeide und insbesondere immungeschwächte, ältere sowie chronisch kranke Menschen vor Infektionen im Wartezimmer schütze.
Folgen für ärztliche Praxen
Vor allem für hausärztliche Praxen könnten die Änderungen erhebliche organisatorische Folgen haben. Viele Patientinnen und Patienten mit leichten Beschwerden müssten künftig bereits am ersten Krankheitstag persönlich in der Praxis erscheinen, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erhalten.
Dadurch würden zahlreiche zusätzliche Termine entstehen, obwohl häufig keine Diagnostik oder Behandlung erforderlich ist. Besonders für MFAs könnte das spürbare Folgen haben. Zusätzliche Patientenkontakte bedeuten mehr Telefonate, eine aufwendigere Terminvergabe und vollere Wartezimmer. Gleichzeitig müssten infektiöse Patientinnen und Patienten versorgt werden, die ohne die geplante Regelung möglicherweise zu Hause geblieben wären.
MT
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