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Das große Schweigen: Was Patientinnen und Patienten lieber nicht erzählen

Nicht alles, was für Diagnose und Behandlung wichtig wäre, kommt im Sprechzimmer zur Sprache. Viele verschweigen Beschwerden oder persönliche Informationen aus Scham oder Angst. Aktuelle Umfragen zeigen, welche Themen besonders schwerfallen und was Praxisteams tun können.

Wie viel Alkohol trinken Sie? Seit wann haben Sie diese Beschwerden? Wie fühlen Sie sich in der letzten Zeit? Nicht alles, was für die Behandlung wichtig sein könnte, wird von Patientinnen und Patienten wahrheitsgemäß beantwortet. 

 

Fast jeder Fünfte hat schon etwas verschwiegen

18 % der Erwachsenen in Deutschland haben bei einem Besuch in der ärztlichen Praxis schon einmal gesundheitliche Probleme oder Beschwerden aus Scham, Peinlichkeit oder Misstrauen nicht angesprochen. Das zeigt eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Barmer. Befragt wurden 1.791 Menschen ab 18 Jahren. Frauen berichteten mit 23 % deutlich häufiger davon als Männer mit 13 %. Besonders groß scheint die Hemmschwelle bei Jüngeren zu sein: Von den 18- bis 29-Jährigen gaben 28 % an, schon einmal etwas verschwiegen zu haben.

Nicht jedes Thema lässt sich gleich leicht ansprechen. 28 % der Befragten erklärten, dass ihnen Gespräche über Beziehungs- und Partnerschaftsprobleme schwerfallen. Bei Sexualgesundheit und sexuellen Problemen waren es 25 %, bei häuslicher Gewalt oder Missbrauch 20 %.

Dabei können gerade solche Informationen für die Behandlung relevant sein. Barmer-Chef Prof. Dr. Christoph Straub warnt: „Falsche Scham kann negative Folgen für den Behandlungsverlauf mit sich bringen und den Behandlungserfolg beeinträchtigen.“ Er erinnert außerdem daran, dass das Arzt-Patienten-Verhältnis geschützt ist und der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt.

 

Angst vor einem negativen Urteil

Dass es nicht nur um einzelne Tabuthemen geht, zeigt eine weitere Befragung. Für eine repräsentative YouGov-Umfrage im Auftrag von Doctolib wurden im März 2026 1.043 Erwachsene befragt. 31 % gaben an, Ärztinnen und Ärzten schon einmal bewusst nicht die Wahrheit gesagt oder wichtige Informationen vorenthalten zu haben. Bei den 18- bis 24-Jährigen waren es sogar 45 %.

Die Gründe: 35 % der Betroffenen fürchteten, negativ beurteilt oder verurteilt zu werden, 31 % nannten Scham oder Peinlichkeit. 30 % hielten die verschwiegene Information selbst für medizinisch nicht relevant und 15 % fehlte das nötige Vertrauen. Bemerkenswert ist: 87 % derjenigen, die schon einmal geschwiegen hatten, wussten durchaus, dass dies gesundheitliche Folgen haben kann.

 

MFAs können die Tür öffnen

Ob jemand offen spricht, entscheidet sich nicht erst im Behandlungszimmer. Schon der Empfang, die Anmeldung oder das erste Gespräch mit Ihnen als MFA prägen die Atmosphäre. Ein diskreter Umgang mit persönlichen Angaben sollte selbstverständlich sein. Fragen nach Beschwerden, Medikamenten oder anderen sensiblen Informationen gehören möglichst nicht in ein volles Wartezimmer oder an einen Empfang, an dem andere mithören können.

Auch die Wortwahl macht einen Unterschied. Wer bei einer unangenehmen Antwort überrascht oder wertend reagiert, kann ungewollt dafür sorgen, dass Patientinnen und Patienten beim nächsten Thema lieber schweigen. Ruhiges Nachfragen und eine sachliche, selbstverständliche Reaktion signalisieren dagegen: Hier darf ich das erzählen.

 

Zeit und Vertrauen helfen beim Reden

Was Betroffene brauchen, zeigt die Doctolib-Befragung ebenfalls. 40 % derjenigen, die bereits Informationen verschwiegen hatten, wünschten sich mehr Zeit für das Gespräch, 35 % mehr Empathie und Einfühlungsvermögen und 30 % ein stärkeres Vertrauensverhältnis. 17 % berichteten, regelmäßig aus Zeitdruck nicht alle relevanten Gesundheitsinformationen mitteilen zu können.

Mehr Gesprächszeit lässt sich im hektischen Praxisalltag nicht immer schaffen. Andere Hürden können Praxisteams leichter abbauen. Dazu gehören Rückzugsmöglichkeiten für sensible Gespräche, ein respektvoller Umgang und die klare Botschaft, dass auch unangenehme Themen in Ihrer ärztlichen Praxis ihren Platz haben. Digitale Vorab-Fragebögen können eine weitere Möglichkeit sein: 40 % der Betroffenen gaben in der Doctolib-Befragung an, darin ehrlicher antworten zu können als im persönlichen Gespräch.

MT

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