

Warum das weibliche Immunsystem stärker ist – und trotzdem zum Risiko werden kann

Das Abwehrsystem des Menschen schützt ihn vor fremden Stoffen und Krankheitserregern. Ein Teil des Schutzmechanismus ist angeboren (unspezifisch) und von Geburt an aktiv, der andere Teil entwickelt sich im Lauf des Lebens (erworbene oder spezifische Abwehr). Zum angeborenen Immunsystem gehört die Haut. Diese Barriere lässt Krankheitserreger wie Bakterien und Viren gar nicht erst in den Körper hinein. Auch die Atemwege sowie Magen und Darm verfügen über schützende Schranken.
Gelangen nach einer Verletzung über eine Wunde Krankheitserreger in den Körper, werden diese von Abwehrzellen erkannt und bekämpft. Fresszellen (Makrophagen) nehmen die ungebetenen Gäste auf und zersetzen sie mit Verdauungsenzymen. Die dabei entstehenden Molekülschnipsel, die Antigene, werden auf der Zelloberfläche präsentiert und so für andere Immunzellen erkennbar.
Bei der erworbenen Immunabwehr greifen B- und T-Zellen die Erreger und deren Antigene an. T-Helfer-Zellen stiften die B-Zellen an, sich zu vermehren und verstärkt Antikörper zu produzieren. Diese binden die T-Helfer-Zellen und animieren die auf die Tötung von körperfremden Zellen spezialisierten T-Killer-Zellen, sich verstärkt zu teilen. Was diese spezifische Immunabwehr leistet, speichert sie jahrelang im immunologischen Gedächtnis des Körpers. Kommt es zu einer neuen Infektion, kann der Körper schneller und wirkungsvoller reagieren. Dieses Prinzip funktioniert auch bei Impfungen.
Unterschiedliche Funktion bei Frauen und Männern
Das Immunsystem funktioniert bei Frauen und Männern unterschiedlich. Darüber sprach Prof. Dr. Marcus Altfeld kürzlich im Rahmen des Wissenschaftsjahrs, das in 2026 unter dem Motto „Medizin der Zukunft“ steht. Er leitet das Institut für Immunologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, forscht am Leibniz-Institut für Virologie und ist seit 2021 Sprecher der DFG-Forschungsgruppe Geschlechtsspezifische Unterschiede in Immunantworten.
Bei weiblichen Personen treten Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multiple Sklerose deutlich häufiger auf als bei männlichen Personen. „Teilweise sind 8 bis 9 von 10 Betroffenen Frauen“, sagt Altfeld. Der Grund: Die körpereigene Abwehr funktioniert unterschiedlich. „Das Immunsystem hat sich entwickelt, um uns vor Erkrankungen zu schützen. Vor Infektionen, vor Tumoren. Es ist gut, wenn es einen Erreger schnell erkennt, schnell eine Immunantwort aufbaut und sie kontrolliert. Diese Funktion ist bei Frauen besser entwickelt als bei Männern“, sagt Altfeld.
Warum, ist noch nicht vollständig geklärt und wird intensiv erforscht. Eine von vielen Hypothesen ist, dass Frauen ihr ungeborenes oder neugeborenes Kind vor Infektionen schützen. Sie geben Antikörper mit der Muttermilch weiter. Das ermöglichte insbesondere in Zeiten früherer Kindersterblichkeit eine höhere Überlebensrate.
Östrogen stärkt, Testosteron schwächt
„Bei Autoimmunkrankheiten handelt es sich um eine fehlgeleitete Immunantwort“, erläutert Professor Altfeld. Dazu komme es häufiger bei Frauen nach der Pubertät. Hormone spielen eine wichtige Rolle. So gibt es Hinweise darauf, dass Östrogen das Immunsystem stärken kann und Testosteron eher eine immunhemmende Wirkung hat. Aus Studien zur Grippeimpfung ist bekannt, dass die Immunantwort bei Frauen immer etwas stärker ist als bei Männern. Deshalb empfiehlt sich, vor einer Impfung besser kein Testosteron zuzuführen. Unterschiedliche Impfstoffe für Frauen und Männer zu konzipieren, ist heutzutage nicht üblich. „Wichtig ist, dass beide Geschlechter eine gute Immunantwort geben. Je spezialisierter und personalisierter man das macht, umso schwieriger wird es“, so Altfeld. Auch Alter, Ernährung und Allgemeinzustand spielen eine Rolle.
Zudem beeinflussen viele auf dem X-Chromosomen liegende Gene die Immunantwort. „Eine Frau, also eine Person mit einem XX-Chromosomensatz, hat von diesen Genen zwei Kopien, während ein Mann mit XY-Chromosomensatz nur eine Kopie hat“, veranschaulicht Altfeld. In den letzten 10 Jahren lernten die Forschenden, dass die frühere Annahme, das zweite X-Chromosomen sei eine Art Sicherheitskopie, nicht stimmt. Vielmehr sind die dort liegenden Gene weiterhin aktiv. Das ist entscheidend, um Viren zu erkennen und Immunantworten zu regulieren. Und deshalb reagiert das weibliche Immunsystem stärker als das männliche.
Auswahl von Erkrankungsanfälligkeiten bei Frauen und Männern
| Männer | Frauen |
| Autoimmunkrankheiten | Asthma (von der Geburt bis zur Pubertät) | Asthma (nach der Pubertät), Hashimoto-Schilddrüsenentzündung, Lupus, Multiple Sklerose, Rheuma |
| Entwicklungsstörungen des Nervensystems | Autismus-Spektrum-Störungen, Tourette-Syndrom, Aufmerksamkeitsstörungen | Phobien, Zwangsstörungen, Essstörungen |
| Neurologische und neurodegenerative Erkrankungen | Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Parkinson, Schlaganfall, frühe Schizophrenie | Alzheimer, Depressionen und Angststörungen, Schizophrenie |
| Krebs (Geschlechtsorgane ausgenommen) | Kehlkopf, Blase, Speiseröhre | Schilddrüse, Lungenkrebs bei Nichtraucherinnen |
| Infektionen und Impfungen | SARS-CoV-2 (höhere Sterblichkeit), Hepatitis B, Tuberkulose | Besseres Ansprechen auf diverse Impfungen |
Umwelt | Feinstaubbelastung, Koffeinkonsum schützt vor Parkinson | Gewisse Schutzwirkung von Zigarettenrauch und Koffeinkonsum vor Schlaganfall, Demenz und Depressionen |
Noch viel Forschungsarbeit für geschlechtsspezifische Therapien nötig
„Es hat eine Weile gedauert, bis die wissenschaftliche Community akzeptiert hat, dass es diese Unterschiede gibt“, sagt Altfeld. In der Forschung müssten deshalb beide Geschlechter und nicht nur Männer angeschaut und die Unterschiede genau analysiert werden. „Zurzeit lernen wir mehr und mehr über die grundlegenden Mechanismen. Daraus leiten sich Behandlungsoptionen ab.“ Schon jetzt gibt es immer mehr spezifische Medikamente, die in diese Signalwege einschreiten.
Das ganze Interview mit Prof. Dr. Marcus Altfeld sehen Sie auch in diesem Video auf YouTube.
DM
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