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Impf-Regresse – Risiko im Praxisalltag

Höhere Impfquoten gelten gesundheitspolitisch als wichtiges Ziel. Doch in den Praxen sorgen mögliche Impf-Regresse immer wieder für Verunsicherung. Die KBV und der Hausärztinnen- und Hausärzteverband fordern finanzielle Sicherheit für die impfenden Praxen.

Gerade in der aktuellen Grippeimpfsaison zeigt sich erneut, wie stark finanzielle Vorgaben beeinflussen, wie viel Impfstoff bestellt und verimpft wird. Grundlage ist das sogenannte Wirtschaftlichkeitsgebot der gesetzlichen Krankenversicherung. Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, Leistungen und Verordnungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich zu erbringen. Wird im Rahmen einer Wirtschaftlichkeitsprüfung festgestellt, dass dieses Gebot nicht eingehalten wurde, drohen Rückforderungen, sogenannte Regresse.

Für impfende Praxen kann das dann relevant werden, wenn mehr Impfstoff bestellt als letztlich verimpft wird. Bleiben Dosen übrig, etwa weil die Nachfrage geringer ausfällt als erwartet, kann dies als unwirtschaftlich bewertet werden. Für Praxisteams heißt das im Alltag: Impfstoffbestellungen sind nicht nur eine medizinische, sondern immer auch eine wirtschaftliche Entscheidung. Jede zusätzliche Dosis erhöht das Risiko, am Ende zu viel bestellt zu haben.
 

Grippeimpfung verdeutlicht das Problem

Besonders deutlich zeigt sich die Problematik in der Grippeimpfung. Impfstoffe müssen lange im Voraus bestellt werden, häufig Monate vor Beginn der eigentlichen Saison. Wie hoch die Nachfrage ausfallen wird, lässt sich zu diesem Zeitpunkt jedoch nur schätzen. Wird aufgrund der Sorge vor möglichen Regressen lieber weniger bestellt, kann es zum Ende der Impfsaison zu Impfstoff-Engpässen bei einzelnen Praxen kommen.

Sybille Steiner, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sieht hier nur eine Möglichkeit: „Um eine Erhöhung der Impfquoten zu erreichen, muss endlich das Impfhindernis Regress verschwinden und dafür der Paragraf 106b Absatz 1a im SGB V gestrichen werden.“ Es sei nicht nachvollziehbar, dass Praxen einerseits eine hohe Impfleistung erbringen sollen, andererseits aber ein wirtschaftliches Risiko tragen, wenn Impfstoffe am Ende übrigbleiben. 
 

Diesjährige Grippesaison wird zur Herausforderung

Besonders bei der Grippeimpfung wird das Dilemma nun wieder deutlich. In dieser Saison war die Nachfrage höher, da eine besonders ansteckende Variante im Umlauf ist und die Menschen eindringlich medial zur Grippeimpfung aufgefordert wurden. Zudem startete die Grippesaison früher als sonst. Laut dem Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HAEV) fehlten daher bereits Mitte Dezember in einigen Regionen bestimmte Impfstoffe. Um den Mangel auszugleichen, organisierten sich die Praxen in Netzwerken, um Restbestände auszutauschen. 

„Gerade angesichts der niedrigen Impfquoten in Deutschland sollte es doch eine positive Nachricht sein, wenn sich deutlich mehr Menschen frühzeitig für eine Grippeimpfung entscheiden. Unsere Praxen haben aber aktuell keinerlei Möglichkeit, auf eine stärkere Nachfrage angemessen zu reagieren. Grund ist die extrem rigide Bestellregelung, die uns keinerlei Flexibilität erlaubt“, so Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Dr. Markus Beier, Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes. Es könne nicht sein, dass sich Praxen vor Regressen fürchten müssen, weil sie ihre Patientinnen und Patienten ausreichend mit Impfstoff versorgen möchten.
 

Stärkung der Praxen sollte Priorität haben

„Wir sehen, dass die Politik handeln will – aber sie hat bisher an den völlig falschen Stellschrauben gedreht“, so Dr. Wolfgang Ritter, Vorsitzender des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes und Vorstandsmitglied im Hausärztinnen- und Hausärzteverband. Auch die Aufhebung der Verpflichtung zum Abschluss von Rabattverträgen habe nicht dazu geführt, dass die Industrie wesentlich mehr Impfstoff zur Verfügung stellt. „Für unsere Praxen und unsere Patientinnen und Patienten hat sich dadurch also rein gar nichts verbessert – in diesem Jahr war die Situation vielerorts sogar schlimmer denn je.“ Eine höhere Impfquote könne nur durch eine klare Abkehr von den Impf-Regressen und einer deutlichen Stärkung der haus- und kinderärztlichen Praxen erreicht werden.

 

MT

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