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Impfen, testen, Medikamente ausgeben: Apothekenreform sorgt für Kritik

Das Gesetz zur Weiterentwicklung der Apothekenversorgung (ApoVWG) wurde Ende Mai vom Bundestag beschlossen. Ziel ist es, die wohnortnahe Versorgung zu stabilisieren - vor allem im ländlichen Raum. Neben neuen Aufgaben in Prävention, Diagnostik und Versorgung sollen die Apotheken auch finanziell gestärkt werden. Gesundheitsministerin Nina Warken begründet dies mit den Herausforderungen der nächsten Jahre: „Um die Gesundheitsversorgung in Zukunft sicherstellen zu können, müssen die Aufgaben auf mehr Schultern verteilt werden.“ Apotheken käme dabei eine wichtige Rolle zu.
Zu den wichtigsten geplanten Neuerungen gehören u. a.:
- Mehr Impfungen in Apotheken
Bislang durften Apotheken gegen Grippe und COVID-19 impfen. Künftig sollen sie alle Schutzimpfungen mit Totimpfstoffen anbieten können, etwa gegen Tetanus, Keuchhusten oder FSME.
- Neue Präventions- und Früherkennungsangebote
Apotheken sollen stärker in die Früherkennung häufiger Volkskrankheiten eingebunden werden. Vorgesehen sind unter anderem Angebote zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und tabakassoziierten Erkrankungen. Auch Blutentnahmen zu diagnostischen Zwecken und bestimmte Schnelltests sollen möglich werden.
- Arzneimittel ohne neues Rezept
Für chronisch erkrankte Menschen wird es künftig einfacher, dringend benötigte Medikamente zu erhalten. Wenn eine Therapie nicht unterbrochen werden darf, können Apotheken unter bestimmten Voraussetzungen eine kleine Packung eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels auch ohne aktuelles Rezept abgeben. Zudem sollen für einige unkomplizierte akute Erkrankungen künftig ebenfalls Arzneimittel ohne vorherigen Arztbesuch möglich werden.
- Mehr Spielraum bei Lieferengpässen
Ist ein verordnetes Medikament nicht verfügbar, dürfen Apotheken künftig leichter auf vergleichbare Präparate ausweichen. Damit sollen Versorgungsprobleme durch Lieferengpässe schneller gelöst werden können.

Verbände warnen vor Parallelstrukturen
Nicht einverstanden mit der Apothekenreform zeigt sich der Hausärztinnen- und Hausärzteverband. Gemeinsam mit weiteren ärztlichen Organisationen, wie dem Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI), warnt er vor einer „Parallelversorgung“, die bestehende Versorgungsprobleme nicht löse.
Nach Ansicht der Bundesvorsitzenden Dr. Markus Beier und Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth steht die Reform auch im Widerspruch zu den Plänen für ein verbindliches Primärversorgungssystem. Während dort klare Zuständigkeiten und eine koordinierte Patientensteuerung im Mittelpunkt wären, entstünden durch die neuen Apothekenbefugnisse weitere Versorgungswege und zusätzliche Schnittstellen. Ob dies die Versorgung tatsächlich verbessere, sei fraglich.
Die BDI-Präsidentin Christine Neumann-Grutzeck meint: „Während die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte seit Jahren Budgetdruck, Bürokratie und Sparvorgaben ausbaden müssen, verteilt die Politik neue Zuständigkeiten und wirtschaftliche Perspektiven an andere. Das widerspricht einer klaren und sicheren Rollenverteilung.“ Apotheken seien wichtige Partner in der Arzneimittelversorgung. Sie seien jedoch keine Ersatzstruktur für ärztliche Diagnostik.
Kinderärzte sprechen von „Schmalspurmedizin“
Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ) sieht die Reform kritisch. Präsident Dr. Michael Hubmann warnt davor, verschreibungspflichtige Arzneimittel ohne vorherige ärztliche Diagnosestellung und Verordnung zugänglich zu machen.
Besonders bei Kindern und Jugendlichen sei eine sorgfältige medizinische Beurteilung wichtig. Beschwerden, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen, könnten sich anders entwickeln als bei Erwachsenen. Zudem müssten bei Diagnose und Therapie zahlreiche individuelle Faktoren berücksichtigt werden, darunter Alter, Entwicklungsstand, Vorerkrankungen, Körpergewicht, Begleitmedikationen und das familiäre Umfeld.
Krankenkassen sehen zusätzliche Kosten
Bedenken äußert auch der GKV-Spitzenverband. Die Krankenkassen begrüßen zwar grundsätzlich Maßnahmen zur Sicherung der Versorgung, kritisieren jedoch einzelne Regelungen als kostenintensiv. Insbesondere zusätzliche Vergütungen und neue Leistungsansprüche müssten nach Ansicht des Verbandes einen nachweisbaren Nutzen für die Versorgung bringen. Dazu Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes: „Die Apothekenversorgung wird damit in Zukunft nur teurer, aber im Wesentlichen nicht besser.“
Apothekerverbände befürworten Pläne
Positiv beurteilt dagegen Thomas Preis, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände die geplanten Neuerungen: „Die Rolle der Apotheken bei der Gesundheitsversorgung der Bürgerinnen und Bürger wird gestärkt. Das ist richtig und wichtig für die Menschen in Deutschland.“ Pharmazeutische Dienstleistungen wie Blutentnahmen und Impfungen würden sowohl das Gesundheitssystem entlasten als auch den Menschen unmittelbar helfen.
MT
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