

Wenn der Bildschirm das Spielen verdrängt

Das Smartphone zur Ablenkung beim Essen, ein Video im Kinderwagen oder die Lieblingsserie, während die Eltern etwas erledigen: Digitale Medien spielen inzwischen immer früher im Leben eine Rolle. Wie früh, zeigt die Studie „Familial context influences media usage in 0- to 4-year old children“ von Forschenden der Technischen Universität München, des kbo-Kinderzentrums München und der Universität des Saarlandes. Dafür wurden Daten von 3.035 Kindern im Alter von wenigen Tagen bis knapp 4 Jahren ausgewertet. Bereits 18 % der Kinder im ersten Lebensjahr nutzten elektronische Medien. Im zweiten Lebensjahr waren es 61 %, im dritten 92 % und im vierten bereits knapp 98 %.
Auch die miniKIM-Studie 2023 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) verdeutlicht, welchen Platz Bildschirme inzwischen im Alltag kleiner Kinder einnehmen. Für die repräsentative Untersuchung wurden die Erziehungsberechtigten von 600 Kindern zwischen 2 und 5 Jahren befragt. Im Durchschnitt verbrachten die Kinder täglich 67 Minuten mit Bewegtbildangeboten. Selbst bei den 2- bis 3-Jährigen waren es im Schnitt 62 Minuten.
Lücken im realen Leben
Problematisch ist nicht nur, dass Kinder vor einem Bildschirm sitzen. Noch entscheidender ist, was sie in dieser Zeit nicht tun. Kleine Kinder lernen, indem sie Gegenstände anfassen und ausprobieren, laufen, klettern, sprechen und die Reaktionen anderer Menschen beobachten. Zu viel Zeit am Bildschirm kann verhindern, dass diese entscheidenden Erfahrungen ausreichend gemacht werden.
Es gibt Hinweise darauf, dass eine hohe Bildschirmzeit u. a. mit einer schwächeren motorischen Entwicklung und einem langsameren Spracherwerb zusammenhängt. Eine Langzeitstudie aus Singapur fand zudem noch Jahre später Auffälligkeiten bei Hirnaktivitäten, die mit Aufmerksamkeit und kognitiver Kontrolle zusammenhängen, nachdem die Bildschirmzeit der Kinder bereits im Säuglingsalter erfasst worden war (wir berichteten).
Kinder brauchen echte Gespräche
Besonders wichtig für die Entwicklung ist der direkte Austausch mit anderen Menschen. Ein Baby brabbelt, die Mutter antwortet. Ein Kleinkind zeigt auf einen Hund, der Vater benennt ihn. Solche kleinen Interaktionen liefern Kindern ständig neue sprachliche und soziale Impulse.
Wie stark Bildschirme diese Kommunikation beeinflussen können, untersuchte eine australische Forschungsgruppe um Mary Brushe von der University of Adelaide (wir berichteten). Die Forschenden werteten Daten von 220 Familien aus, deren Kinder im Alter von 12, 18, 24, 30 und 36 Monaten jeweils einen ganzen Tag lang ein Aufnahmegerät trugen. Mit zunehmender Bildschirmzeit hörten die Kinder weniger Wörter von Erwachsenen, äußerten selbst weniger Laute und waren an weniger Gesprächswechseln beteiligt.
Dabei muss nicht einmal das Kind selbst vor dem Smartphone sitzen. Auch die Mediennutzung der Erwachsenen kann die Interaktion stören. Fachleute sprechen von „Technoferenz“, wenn Smartphone und Co. den Austausch zwischen Eltern und Kindern unterbrechen. Erhalten Babys dauerhaft keine Reaktion auf ihre Lautäußerungen, Mimik oder Bewegungen, kann sich das negativ auf die weitere Beziehung zwischen Eltern und Kind sowie die soziale Kompetenzentwicklung auswirken.
Möglichst bildschirmfrei durch die ersten Jahre
Gerade für Babys und Kleinkinder raten Fachleute zu einem sehr zurückhaltenden Umgang mit Bildschirmmedien. Das Familienportal des Bundes verweist auf den Elternratgeber „Schau hin“. Dieser empfiehlt für unter 3-Jährige gar keine Bildschirmzeit, ab 4 Jahren sollte es höchstens eine halbe Stunde sein, ab 6 Jahren bis zu einer Stunde.
Im Alltag muss dabei nicht jede Minute vor dem Bildschirm zum Problem werden. Wichtig ist vor allem, dass Smartphone und Tablet nicht ständig nebenher laufen oder regelmäßig zum Ablenken und Beruhigen eingesetzt werden. Wenn Eltern gemeinsam mit ihrem Kind etwas anschauen, darüber sprechen und zwischendurch bewusst auf Bildschirme verzichten, bleibt genügend Zeit für Spielen, Bewegung und gemeinsame Erlebnisse.
MT
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