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Wie ein Praxisteam die ambulante Versorgung auf dem Dorf organisiert

Die Oberlausitz im Dreiländereck Deutschland-Tschechien-Polen ist ein beliebtes Urlaubsziel. In puncto Gesundheitsversorgung ist der Landkreis Görlitz am südöstlichen Zipfel Deutschlands jedoch ein Sorgenkind. Nicht das einzige, aber laut aktueller Bedarfsplanung der KVS bereits seit 2014. Bezogen auf die hausärztliche Versorgung bedeutete das zum Stichtag 1. Juli 2025: 36,75 zugelassene Ärzte und 6,5 angestellte Ärzte versorgen mehr als 70.000 Einwohner. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 91,7 Prozent. In anderen Worten: Es besteht Unterversorgung. 9 freie hausärztliche Stellen könnten besetzt werden.
Modellprojekt hausärztliche Versorgerpraxis
Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen unternimmt seit Jahren viel, um ärztlichen Nachwuchs speziell für ländliche Regionen zu gewinnen. Doch trotz Kampagnen, Stipendien und Gründungszuschüssen hält sich das Interesse, eine Praxis zu übernehmen, in Grenzen. Alternativen sind gefragt. Während in anderen Regionen beispielsweise mit Gesundheitskiosken auf ambulante medizinische Unterversorgung reagiert wurde, setzte die KVS in der Gemeinde Kottmar, Ortsteil Niedercunnersdorf, auf das Modell Versorgerpraxis.3 nichtärztliche Mitarbeiterinnen sind täglich in der Praxis und führen delegationsfähige Leistungen aus. Seit dem zweiten Quartal 2025 findet eine Videosprechstunde mit einem Arzt statt. Ab März 2026 ist eine Ärztin einen Tag pro Woche in der Praxis und steht an einem weiteren Tag für telemedizinische Konsultationen zur Verfügung. Das Praxisteam koordiniert zudem Termine mit Kooperationspraxen, die Patienten bei Bedarf übernehmen.

Keine neue Praxis, nur neu organisiert
Sandra Wobst kennt die Praxis seit 32 Jahren. Hier hat die 48-Jährige ab 1994 Arzthelferin gelernt. 2005 qualifizierte sie sich zur VERAH und 2010 zur NäPa. Beim PKV Institut bildete sie sich 2024 zur Abrechnungsmanagerin fort und im Vorjahr folgte eine Weiterbildung im Qualitätsmanagement. Sie hat in den Jahrzehnten mehrere Ärzte erlebt. „Gelernt und lange gearbeitet bei einem Arztehepaar, danach beim Praxisnachfolger, schließlich infolge dessen Erkrankung bei 5 vertretenden Medizinern.“ Jetzt ist sie koordinierende Fachkraft, angestellt bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, und sagt: „Ich bin froh, dass wir es geschafft haben, dass es hier weitergeht.“ Die Räume wurden renoviert und bis die Technik verlässlich funktionierte, dauerte es. Obwohl das Modell noch ungewöhnlich ist, blieb ein fester Patientenstamm erhalten. Zum Zeitpunkt des Besuchs sitzt niemand im Wartezimmer. Ein junger Mann an Gehhilfen kommt zum Verbandswechsel. Ein weiterer Patient bespricht sein Befinden mit Sandra Wobst und holt ein Rezept ab. An der Anmeldung klingelt das Telefon unaufhörlich.
Was ist machbar für eine optimale Versorgung?
Kerstin Wagner bleibt ruhig. Die 57-Jährige ist das Urgestein in der Praxis. Die gelernte Krankenschwester hat nach 1990 eine zusätzliche Ausbildung als Arzthelferin absolviert und arbeitet seit 1993 in der hausärztlichen Praxis in Niedercunnersdorf. Neben der Terminkoordination und Blutabnahmen hat sie sich auf Diabetesversorgung spezialisiert. „Natürlich wäre es schöner, wenn immer ein Arzt da wäre“, sagt sie. „Aber jetzt haben wir erst einmal gekämpft, dass es weitergeht und die Grundversorgung gesichert ist.“ Im Dorf hätte es sonst keine allgemeinmedizinische Versorgung mehr gegeben. Nur ein Zahnarzt ist noch ansässig. Auch in der 7 Kilometer entfernten Kreisstadt Löbau hat gerade eine hausärztliche Praxis geschlossen. „Manche dieser Patienten kommen wieder zu uns“, sagt Kerstin Wagner. Eine Frau z. B. vermisste das Ambiente. Multimorbide und Menschen, die ständig ärztliche Versorgung benötigen, können nicht aufgenommen werden. „Die Ärzte der Umgebung müssen das mittragen.“ Kerstin Wagner, die ungern im Mittelpunkt steht und „lieber ihre Arbeit macht“, hat mit ihren Kolleginnen ein Händchen dafür, wer in welcher Praxis der Region gut aufgehoben wäre und vermittelt. Situationen, in denen es brenzlig wurde, erlebten sie glücklicherweise noch nicht. „Dank Kooperation mit der regionalen Ärzteschaft und dem Rettungsdienst haben wir bis jetzt alle immer gut versorgt bekommen“, so Kerstin Wagner.
Luxus: Hausbesuche zu zweit
Seit gut einem Jahr verstärkt Mandy Töteberg das Praxisteam. Die 47-Jährige hat in Köln Krankenschwester gelernt und dort 10 Jahre u. a. in der ambulanten Pflege gearbeitet. Nach der Rückkehr in ihre Heimat arbeitete sie wegen der Kinder in einer Hausarztpraxis. 2016 qualifizierte sie sich zur VERAH. Den Patientendurchlauf empfindet sie in der Versorgerpraxis angenehmer, weil er planbarer ist. Sie führt EKGs durch, nimmt Blut ab, zieht Fäden oder Klammern und wechselt Verbände. Auch kleine Labortests wie Kaliumbestimmungen oder Urinuntersuchungen werden vor Ort durchgeführt. Am liebsten aber fährt sie zu Hausbesuchen. Radius 20 Kilometer um Niedercunnersdorf. Immer gemeinsam mit ihrer Kollegin. „4 Augen, 4 Ohren“, ergänzt Sandra Wobst. Sie weiß: „Wir sprechen uns ab und wir sehen so auch, ob noch anderes als die medizinischen Befunde im Argen ist. Das ist Luxus, aber wir hoffen, dass wir das so lange wie möglich so gewährleisten können.“ Einen Nebeneffekt der überwiegenden Arztabwesenheit beobachten Kerstin Wagner, Sandra Wobst und Mandy Töteberg immer wieder: „Die Leute sprechen oft über Dinge, die sie der Ärztin oder dem Arzt nicht erzählen.“ Nicht immer sei dieser Hintergrund relevant für die Versorgung, manchmal helfe er jedoch.
Nachwuchsprobleme auch bei MFA in Sicht
Obwohl das Praxisteam noch einige Jahre bis zum Ruhestand hat, sehen die Oberlausitzer Frauen das Problem ihrer eigenen Nachfolge schon jetzt. Nur 2 Bewerbungen von ausbildungswilligen MFAs habe es in den letzten Jahren gegeben, berichtet Sandra Wobst auf Nachfrage. An Schnupperpraktika Interessierten würde sie sofort zusagen. „Entscheiden muss die KV.“ Durch die Schließung eines Krankenhauses im Landkreis konnten Pflegefachkräfte offene Stellen in Praxen besetzen. Wie es in ein paar Jahren sein wird, ist offen. Aber wir sind Berufsoptimisten“, lacht Sandra Wobst, „Wir kriegen das hin.“
DM
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