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Gesundheitsreform: Der Widerstand wächst

„Es ist eine Zumutung. Aber die Situation lässt mir keine andere Wahl.“ Mit diesen Worten verteidigte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken beim Deutschen Ärztetag in Hannover die geplante Gesundheitsreform. Die Verbände üben weiterhin scharfe Kritik.

Die Bundesgesundheitsministerin hatte beim diesjährigen Ärztetag einen schweren Stand. Die Reaktionen der Ärzteschaft auf die geplante Gesundheitsreform waren deutlich. Viele Teilnehmende kritisierten, dass ausgerechnet in einem ohnehin stark belasteten System gespart werden soll. Auch zahlreiche Berufsverbände warnen vor konkreten Folgen für Praxen, Patientinnen und Patienten. Die Spannbreite reicht von längeren Wartezeiten über weniger Sprechstunden bis hin zu möglichem Personalabbau (wir berichteten).

 

Marburger Bund: „Gefährdung der Patientenversorgung“

Der Marburger Bund sieht in den Plänen ein erhebliches Risiko für die medizinische Versorgung. Das Gesundheitswesen dürfe nicht allein unter finanziellen Gesichtspunkten betrachtet werden. Mehr als 6 Millionen Menschen seien inzwischen in diesem Bereich beschäftigt. Eine verlässliche medizinische Versorgung sei nicht nur für die Patientinnen und Patienten wichtig, sondern auch ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor: Sie trage dazu bei, die Produktivität zu erhalten, krankheitsbedingte Ausfälle zu verringern und den Arbeitsmarkt zu stabilisieren. 

 

Hartmannbund: „Auch an die Beschäftigten denken!“

Deutliche Worte findet Dr. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes: „Mit Taschenspielertricks wie der schrittweisen und minimalen Erhöhung um 250 Millionen Euro der Beitragspauschale für Bürgergeldbezieherinnen und -bezieher bei gleichzeitiger massiver Kürzung des Bundeszuschusses um 2 Milliarden Euro wird Bundesfinanzminister Lars Klingbeil seiner gesamtgesellschaftlichen Verpflichtung absolut nicht gerecht.“

Die Kürzung des bisherigen Bundeszuschusses betreibe Klingbeil auf dem Rücken der GKV-Versicherten. Damit träfe er automatisch auch die zahlreichen Beschäftigten im Gesundheitswesen, deren finanzielle und sonstige Ressourcen ohnehin immer knapper werden.

 

HNO-Ärzte: Stellenabbau realistisch

Wie konkret sich die Reform im Praxisalltag auswirken könnte, zeigt eine Umfrage des Deutschen Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte unter mehr als 1.200 Praxen. 82 % der befragten HNO-Praxen gaben an, ihre Sprechzeiten für gesetzlich Versicherte reduzieren zu wollen. Viele planen, die Kassensprechstunden um 4 bis 6 Stunden pro Woche zu kürzen. Mehr als die Hälfte rechnet damit, Personal abbauen zu müssen. Besonders hart für MFAs: Durch Umsatzeinbrüche drohe ein nennenswerter Stellenabbau. Mehr als die Hälfte der befragten Praxen geht davon aus, mindestens eine MFA entlassen zu müssen. 14 % gaben an, außerdem künftig weniger ärztliches Personal in der Praxis anstellen zu können.

 

Frauenärzte: Frauengesundheit gefährdet

Auch der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte fordert Korrekturen an den Reformplänen. Nach Berechnungen des Verbandes könnten bundesweit bis zu 3,5 Millionen kurzfristige gynäkologische Versorgungskontakte pro Jahr wegfallen. Aus Sicht des Berufsverbands ist es ein widersprüchliches Signal, wenn Prävention politisch zwar immer wieder als wichtiges Ziel betont wird, ausgerechnet die dafür entscheidenden Leistungen in den Praxen jedoch wirtschaftlich geschwächt werden. Besonders betroffen wäre die Frauenheilkunde, in der Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft, Krebsfrüherkennung und die frühzeitige Abklärung von Beschwerden eine zentrale Rolle spielen.

 

Neurologen: „Time is brain“

Die Berufsverbände der Neurologen, Psychiater und Nervenärzte warnen, dass Menschen mit Erkrankungen wie Parkinson, Multipler Sklerose, Epilepsie oder Demenz vom medizinischen Fortschritt abgeschnitten werden könnten.

Gerade in diesen Fachgebieten sei Zeit ein entscheidender Faktor. Verzögerungen bei Diagnostik und Therapie könnten zu bleibenden Einschränkungen führen. „Gute neurologische Versorgung kostet Geld – schlechte Versorgung kostet Menschen Selbstständigkeit, Familien Stabilität und die Allgemeinheit Milliarden“, heißt es in der Stellungnahme. Die Verbände erinnern deshalb an den Leitsatz: „Time is brain.“ 

 

MT

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